Font Size

Screen

Profile

Layout

Direction

Menu Style

Cpanel

European Platform Against Windfarms

World Council For Nature

Fledermäuse

  • PDF

Die Opfer der Energiewende

von Aileen Hohnstein

Sie gelten als Meister der Orientierung. Doch ausgerechnet Fledermäuse kollidieren besonders häufig mit Windrädern. Wüsste man mehr über Ausmass und Ursachen, ließe sich das Problem vielleicht lösen.

Zuerst ist nur das Knattern des Fledermausdetektors zu hören, dann sind die kleinen Jäger selbst zu sehen, wie sie im Dämmerlicht durch die Luft flattern. Wendig und zielsicher jagen die Zwergfledermäuse im Zickzackflug Insekten, um bald wieder aus dem Sichtfeld der Fledermausfreunde zu verschwinden, die sich zu einer Führung im ­Fechenheimer Wald in Frankfurt zusammengefunden haben. Die erwachsenen Säuger sind meisterhafte Luft­akrobaten, die nachts gut und gerne 2500 Kerbtiere erbeuten, erklärt der Exkursionsleiter Markus Dietz. Und ausgerechnet solche Flugkünstler, die sich mittels Ultraschallauten in tiefer Dunkelheit orientieren können, sollen hilflose Opfer von Windrädern werden?
Für die Utopie einer sauberen Stromerzeugung ist Windenergie ein wichtiges Element. Doch ihre Kritiker haben schon immer befürchtet, dass Windparks nicht nur die Landschaft verschandeln, sondern auch den Tod vieler Zugvögel herbeiführen, die von den Rotorblättern vom Himmel geholt werden. Einige Untersuchungen in Amerika und Deutschland zeigen, dass es sogar noch weitaus häufiger Fledermäuse trifft.
Das Phänomen ist bekannt. Seit 2002 sammelt die Staatliche Vogelschutzwarte des Landesumweltamtes Brandenburg im havelländischen Buckow alle verfügbaren Daten zu Kollisionen von Tieren mit Windenergieanlagen in Deutschland. Was anfänglich auf Vögel konzentriert war, wurde schnell auf Fledermäuse ausgeweitet, berichtet der beteiligte Artenschutzexperte Tobias Dürr. In der Fundkartei wurden bis Mai 2011 beispielsweise 672 tote Fledermäuse allein an brandenburgischen Standorten registriert.
Auffällig ist, dass 5 der 23 in Deutschland vorkommenden Fledermausarten besonders häufig zu sogenannten Schlagopfern von Windkraftanlagen werden. Es handelt sich dabei um den Grossen Abendsegler, die Rauhhautfledermaus, die Zwergfledermaus, den Kleinen Abendsegler und die Zweifarbfledermaus. Die meisten toten Tiere werden zwischen Ende Juli und Anfang September gefunden. Diese Tendenz deckt sich mit den Daten aus anderen Ländern wie Spanien oder den Vereinigten Staaten. Fledermausforscher vermuten, dass die saisonale Häufung mit dem Fledermauszug gen Süden zusammenhängt – unklar bleibt allerdings, warum der Zug in die Gegenrichtung offenbar weniger Opfer fordert.
Auf ihrem Flug in wärmere Regionen legen die Tiere zum Teil enorme Strecken zurück. Von Rauhhautfledermäusen ist bekannt, dass sie mehr als tausend Kilometer bis zu ihrem Winterquartier fliegen können. Während dieser Wanderungen nutzen sie wahrscheinlich nicht die Echoortung. Diese Form der Orientierung ist zwar bestens geeignet für den Nahbereich und den Beutefang. Da sich Schallwellen in der Luft aber schnell abschwächen, können Fledermäuse auf akustischem Wege keine weiter entfernten Hindernisse wahrnehmen. Gängigen Vorstellungen zum Trotz können sie allerdings gut sehen, wenn auch nur in Schwarzweiss. So wäre es denkbar, dass auf Langstrecken Wegmarken wie Flüsse oder Baumreihen der Orientierung dienen. Zudem besitzen Fledermäuse einen Magnetsinn, nach dem sie sich richten können.
Wenn sie nun in Höhen fliegen, in denen sonst keine Hindernisse zu erwarten sind, reagieren ortsunkundige Durchzügler offenbar nicht rechtzeitig auf plötzlich auftauchende Rotorblätter, sagt Markus Dietz. Der Biologe und Leiter des Instituts für Tierökologie im hessischen Laubach führt als weiteren Grund für Kollisionen die ausgeprägte Neugier von wandernden Fledermäusen an. Zusammenstösse mit den bis zu 280 Stundenkilometer schnell rotierenden Kunstflügeln sind die Folge, aber auch sogenannte Barotraumata. Das sind Blutungen in der Lunge, die durch abrupt auftretende Druckunterschiede hervorgerufen werden. Dass zu den stark beeinträchtigten Fledermausarten aber auch ein typischer «Nichtzieher» gehört, die Zwergfledermaus, führt der Experte auf die recht häufige Verbreitung dieser Art zurück.
Eine andere Erklärung bevorzugt dagegen Lothar Bach, ebenfalls Biologe und Gutachter. Für den Bremer Experten vom Naturschutzbund (Nabu) sind steigende Opfer­zahlen in lokalen Populationen ein Zeichen dafür, dass eher die Futtersuche der Fledermäuse als ihr Zugverhalten Ursache solcher Unfälle ist. «Die fliegen ja nicht einfach so durch die Gegend», sagt er. Windenergieanlagen strahlen im Betrieb eine gewisse Wärme ab, die Insekten anlockt. «Und alles, was Insekten anzieht, zieht auch Fledermäuse an», sagt Bach. 3 bis 4 Grad Temperaturunterschied zwischen der Nabe des Rotors und dem Boden können durchaus bestehen. Mit Wärmekameras lassen sich vermehrte Insektenvorkommen im Rotorenbereich der Windenergieanlagen auch sichtbar machen. Einige Windparkbetreiber beklagen gar Ertragseinbussen, weil die Rotorblätter mit toten Insekten beschmutzt seien.
Ob nun beim Fledermauszug oder der Nahrungssuche – sicher ist, dass Wind­energieanlagen für die geschützten Säugetiere potentiell gefährlich sind. Das könnte noch zunehmen: Die Bundesregierung hat den ehrgeizigen Plan, bis zum Jahr 2050 80 Prozent des Bruttostromverbrauchs aus erneuerbaren Energien zu decken. Wind­energie wird dabei eine zentrale Rolle spielen. Da geeignete Standorte an Land knapp werden, rückt das Meer in den Blickpunkt. Bisher gibt es drei Offshore-Windparks vor Deutschlands Küsten; bis jetzt sind in Nord- und Ostsee 26 Windparks mit 1832 Windrädern genehmigt. Doch wie steht es dort um das Risiko für Fledermäuse?
Lothar Bach hat an der bislang einzigen Studie teilgenommen, die das Verhalten von Fledermäusen auf offener See untersucht. Die Forscher aus Schweden, Dänemark und Deutschland fanden heraus, dass sich Fledermäuse bis zu 14 Kilometer vom Festland entfernen, um Insekten zu fangen. Selbst Windparks, die noch weiter draussen auf See liegen, stellen nach Meinung von Bach eine Gefahr dar. Zwar würden Fledermäuse auf Wanderschaft in der Regel nicht so hoch fliegen, dass die Rotoren sie treffen könnten. Wenn sich ihnen aber eine Möglichkeit zur Nahrungsaufnahme biete, würden die Tiere ihre Route ändern und sich bis zu den Naben der Windräder hochschrauben.
Fledermäuse haben bei der Risikobewertung von Windparks auf hoher See bislang keine Rolle gespielt. Das liegt wohl auch daran, dass über ihr Zugverhalten wesentlich weniger bekannt ist als über die saisonalen Wanderungen von Vögeln. Warum das so ist, liegt auf der Hand. «Fledermäuse sind nachtaktiv und relativ kryptisch», sagt Christian Voigt, Verhaltensphysiologe am Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin. Der Vogelzug sei einfacher zu beobachten, unter anderem weil sich Zugvögel vor ihrer Reise gern sammeln. Auch gibt es mehr Daten über beringte Vögel, als sie Fledermausringe bisher lieferten.
Um Genaueres über die Routen herauszufinden, verfolgt Christian Voigt jetzt eine andere, indirekte Spur. Seine Arbeitsgruppe analysiert die Isotope des Wasserstoffs aus dem Fell der Tiere, um deren Herkunft zu bestimmen. Weil atmosphärische Wassermoleküle, die das seltenere schwerere Wasserstoff-Isotop enthalten, eher in Form von Regen oder Schnee zu Boden gelangen als solche mit dem leichteren Isotop, führen lokale Unterschiede der Niederschlagshäufigkeit in den verschiedenen Gegenden Europas zu einem jeweils charakteristischen Isotopenmuster im Grundwasser. Dieses Muster überträgt sich mit der Nahrung auf das Fell der Fledermäuse. Bei Schlagopfern in Nieder­sachsen konnte auf diese Weise nachgewiesen werden, dass sie aus dem Baltikum kamen. Zumindest die wichtigsten Reisestrecken will man nun identifizieren: Im Herbst sollen Tiere in ganz Europa mit Netzen eingefangen werden, um Fellproben zu sammeln und anhand der Isotopenmuster weitere Wegdaten zu erhalten.
Vielleicht hilft dieses Wissen in Zukunft sogar, tödliche Kollisionen zu vermeiden. Den Fledermausexperten wäre daran gelegen, denn die meisten von ihnen sind für den Ausbau von Windenergie. Nur mangelt es ihrer Meinung nach an geregelten Kontrollen, wenn die Windparks in Betrieb gegangen sind. In den meisten Bundesländern, wie etwa in Hessen, wird anschliessend nicht mehr nach Schlagopfern gesucht. So lässt sich nicht überprüfen, welche Standort- oder Windradeigenschaften öfter zu Zusammenstößen führen. Wüsste man zum Beispiel, zu welchen Zeiten die Fledermäuse nachts besonders aktiv sind und welche Rolle Wetter- und Windbedingungen spielen, könnten bestimmte Windräder vielleicht zur Zeit des Fledermauszuges für einige Stunden abgeschaltet werden. Windparks verlieren dabei lediglich 1 bis 2 Prozent des Energieertrags, laut Schätzungen, doch liessen sich 80 Prozent der Schlagopfer verhindern.
Tobias Dürr vermisst vor allem Vorschriften, solche Daten zentral zu erfassen. Zwar schreibt die EU-Kommission ihren Mitgliedstaaten in einem Leitfaden vor, das Ausmass der durch Windenergieanlagen getöteten Fledermäuse zu überwachen. Ausserdem seien Massnahmen zu ergreifen, um den Bestand geschützter Arten zu garantieren. Doch in Deutschland schieben sich in dieser Angelegenheit Bund und Länder gegenseitig die Verantwortung zu. Von einer flächendeckenden systematischen Überwachung kann keine Rede sein. Und deshalb lässt sich nicht einmal schätzen, wo und wie viele Fledermäuse tatsächlich durch Windenergieanlagen getötet werden.

Weiterlesen: http://www.zeit-fragen.ch/index.php?id=277