Austernfischer
Ein Westküsten-Symbol auf Sinkflug
1shz | 9. Mai 2011 | 06:52 Uhr | Von Frank Jung
Statt 20 000 Paaren im Jahr 1997 heute nur 10 000 : Der noch so prägende Austernfischer befindet sich im schleswig-holsteinischen Wattenmeer auf dem Rückzug. Foto: stecher
Selbst, wer keine weitere Ahnung von Vögeln hat, kann ihn auf Anhieb erkennen: Der lange orangefarbene Schnabel und im selben Ton leuchtende Beine machen den Austernfischer unverwechselbar. Die Frage ist, wie lange dieses Aushängeschild die Westküste noch prägt: "Die Anzahl der Paare im schleswig-holsteinischen Wattenmeer ist seit 1997 von etwa 20 000 auf nur noch 10 000 gefallen", warnt Hermann Hötker, Leiter des Michael-Otto-Instituts für Vogelschutz in Bergenhusen. Er spricht von einer "dramatischen Bestandsabnahme".
Die vom Naturschutzbund Nabu betriebene Einrichtung ist bei der Suche nach der Ursache für den mysteriösen Schwund einen Schritt weiter gekommen. Ein gerade ausgewertetes Forschungsprojekt an der Meldorfer Bucht schließt einen bisherigen Verdacht nämlich aus: Eine steigende Sterblichkeitsrate der Austernfischer im Winterquartier lässt sich nicht nachweisen. "Somit bleibt als einzige Erklärung ein immer schlechterer Bruterfolg der Tiere übrig", schlussfolgert Hötker.
"Der mangelnde Bruterfolg ist das Problem"
In der Regie von Projektleiter Dominic Cimiotti hatte der Nabu im vergangenen Jahr 30 Altvögel am Meldorfer Speicherkoog beringt. 27 davon sind in diesem Frühjahr dorthin zurückgekehrt. Der Blick durchs Fernrohr gibt unzweideutig Auskunft: Genau lässt sich dadurch die Kombination aus verschiedenen Farben und Buchstaben studieren, mit der jeder Vogel individuell gekennzeichnet worden ist. Für besonders bemerkenswert halten Hötker und Cimiotti die hohe Rückkehrrate angesichts des harten Winters - in der Fachliteratur ein mögliches K.-o.-Kriterium.
Umso sicherer macht dies die beiden Biologen in ihrer Einschätzung: "Der mangelnde Bruterfolg ist das Problem." Ein Experiment aus dem letzten Sommer untermauert dies: Am Meldorfer Speicherkoog, auf der etwas weiter südlich gelegenen Halbinsel Helmsand und auf Parkplätzen in der Umgebung beobachtete eine Nabu-Ornithologin 60 Austernfischer-Paare. Nur zehn Jungvögel schlüpften, und gerade mal drei davon wurden flügge.
Durch Nässe gegen Nesträuber geschützt
Sommerhochwasser hatte zehn der Nester aus dem Vorland weggespült. Sturmfluten treten laut Hötker in der warmen Jahreszeit häufiger auf, spielen aber seiner Ansicht nach eine untergeordnete Rolle für Brut-Verluste. Als wesentlichen Faktor für die Sterblichkeit der Küken sieht er Boden-Raubtiere - allen voran den Fuchs - aber auch Marder, Igel und Ratten. "Die Vorländer, durch Gräben stark entwässert, sind für diese Tiere immer besser erreichbar geworden. Allein schon der Aushub, der durch die Instandhaltung der Gräben aufgetürmt wird, bietet dem Fuchs eine sichere Möglichkeit, sich anzuschleichen." Selbst die Halligen Oland und Nordstrandischmoor könne er nach Verbreiterungen der Lorendämme erreichen. Und: Je besser entwässert ein Vorland, desto schwerer kämen die Vögel an Regenwürmer heran.
Eine weitere Rolle spielt für Hötker, dass Uferbefestigungen das Ablagern einer Art Strandwall durch Flutsedimente verhindern. Damit entfalle die Möglichkeit, dass sich zwischen diesem Wall und dem Deich feuchte Abschnitte herausbilden - "Magneten für Vögel, aber durch die Nässe gegen Nesträuber geschützt." Beispiele aus Niedersachsen belegten dies. Und dann sei da noch der Mangel an Muscheln, eine Hauptnahrungsquelle des Austernfischers, gibt Cimiotti zu bedenken. Überfischung und ein wärmeres Klima, durch das sich die Miesmuscheln kaum noch vermehren, forderten ihren Tribut.
Um die bisherigen Erkenntnisse breiter abzusichern und zu vertiefen, wird die Austernfischer-Forschung des Nabu in diesem Sommer eingebettet in ein umfassenderes Monitoring zum Bruterfolg. Beteiligt sind unter Federführung der Nationalpark-Verwaltung in Tönning außer den Bergenhusenern das Forschungs- und Technologiezentrum Westküste in Büsum und die Universität Hamburg. Bis zu 30 Mitwirkende beringen und beobachten dabei Austern fischer sowie Säbelschnäbler, Fluss seeschwalben und Silbermöwen. Untersuchungsgebiete sind neben der Meldorfer Bucht das Vorland des Hedwigenkooges nördlich von Büsum, die Hamburger Hallig sowie Hooge und Gröde.
(shz, fju)
Kommentar von Marco Bernardi:
Es erstaunt schon ein wenig, wenn Herr Hötger sich erstaunt zeigt ob des mysteriösen Rückgangs der Austernfischerpopulation in den letzten 14 Jahre. Immerhin ist das Brutgeschäft für die Vögel anstrengend und jede Störung hat hier ihre negativen Auswirkungen. Blickt man von den Nordfriesischen Inseln Richtung Festland, erkennt man die Störungen sofort. Tausende von Windkraftwerken riegeln die Küstenlinie ab. Der einzige freie Flecken ist noch der Hauke-Haien-Koog. Noch, denn auch dieser wird momentan massiv bedroht, obwohl es sich hier um eine bedeutende Fläche für Rast- und Zugvögel handelt.
Das kann Herr Hötger aber nicht sagen. Immerhin bekommen er und sein Institut mehrere hunderttausend Euro, um zu erforschen, wie man Greifvögel von Windkraftwerken fernhalten kann – z.B. durch großflächiges Abdecken des Bodens um die Windkraftwerke mit Folie. Auch sonst zeichnen sich Herr Hötger und der NABU nicht (mehr) durch eine kritische Sicht auf die Folgen des Ausbaus der Windenergie aus. Das war früher anders, aber seit der NABU 1998 Gründungsmitglied der Naturstrom AG (300 versorgten Windparks mit zusammen ca. 1500 Windkraftanlagen; Stand Juli 2009; Quelle Wikipedia) wurde, hat sich nach und nach die Einstellung zur Windenergie geändert....
Was die Windkraftwerke nicht schaffen, wird von der Maismonokultur erledigt. Quadratkilometer um Quadratkilometer Grünland wird umgebrochen, trockengelegt und Maismonokulturen angepflanzt, die Kulturfolger Fuchs, Mader und Wildschwein anlocken. Zwar beklagt der NABU diese Entwicklung, kann dies aber nur halbherzig machen, da die von ihm so gelobte Naturstrom AG selbst Biogasanlagen betreibt.
Letztendlich braucht sich der NABU auf Grund seines eigenen Verhaltens nicht über den Sinkflug des Westküsten-Symbols zu wundern.









