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Windwahn in Schleswig-Holstein

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Die ZEIT schreibt über Windwahn in S-H, über St. Florianer, Abzocker und Landschaftsverschandelung
Lesen Sie den Artikel von Dieter Hanisch!
Die Kommentare lassen einen vielfach am Verstand der Mitbürger verzweifeln: Bildung NEIN DANKE - Ideologie, Diskriminierung Andersdenkender und EEG-Abzockermentalität...
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Erneuerbare Energien Ein realer Kampf gegen Windmühlen

Schleswig-Holstein setzt voll auf den Ausbau von Windkraft. Die Branche freut's, aber die Bürger sind entrüstet. An vielen Orten rebellieren sie.

Windräder in der Nähe von Schleiden in der Eifel

Windräder in der Nähe von Schleiden in der Eifel

Schleswig-Holstein setzt auf Windkraft: Bis 2020 soll die komplette Stromversorgung des Bundeslandes aus dieser Energiequelle gewonnen werden. Darüber hinaus will man noch große Mengen an Windstrom exportieren. Weil die Windkraftgewinnung auf dem Meer noch Zeit braucht, wird die Erweiterung der Windparks auf dem Land gerade im Eiltempo vorangetrieben.

Die Landesregierung will die für Windkraft genehmigte Fläche von bisher 0,8 Prozent auf mindestens 1,5 Prozent ausweiten. Es geht um etwa 11.000 Hektar. Im Frühjahr kommenden Jahres soll eine endgültige Flächenkartierung vorgenommen werden. Schon jetzt zeigt sich: Windenergie ist zum knallharten Geschäft geworden. Doch was der Branche finanziellen Segen bringt, sorgt gleichzeitig auch für reichlich Unfrieden in der Bevölkerung.

Unzählige Bürgerinitiativen haben sich an der Küste gegründet. Sie wehren sich gegen neue Windkraftanlagen und das Ersetzen alter Anlagen durch moderne Turbinen. Sie initiieren Bürgerbegehren und Bürgerentscheide und haben die Kommunal- und Gemeindepolitiker aufgeschreckt. In den letzten Wochen verging kaum ein Tag, an dem nicht in einem Gemeinderat, Ausschuss oder Kreisparlament kontrovers diskutiert wurde.

"Wir sind nicht generell gegen Windkraft"

Bei Stefan Wiese in Neu-Sophienhof im Kreis Plön sind alle Sitzplätze um den großen Küchentisch besetzt, einige Mitstreiter in der Bürgerinitiative "Sophie gegen den Wind" müssen sogar stehen. Sie treffen sich nicht das erste Mal. Im Alltag verdienen die Angehörigen der Bürgerinitiative ihr Geld als Lehrer, Bankkauffrau, selbstständige Unternehmer, Polizeibeamter oder Museumsangestellte – doch inzwischen sind sie alle Experten beim Thema Windenergie.

"Wir sind nicht generell gegen Windkraft oder gar für die Atomenergie", sagt Helge Jürgensen, stellvertretend für die rund 650 Aktivisten aus der Region. Man sei aber gegen die "Windspargel" in nur geringer Entfernung zum eigenen Heim. Bereits heute türmen sich in nur 700 Meter Abstand vier 100 Meter hohe Windräder auf. Zumindest eines davon soll auf 150 Meter aufgestockt werden. Das entspricht der Höhe des Kölner Doms. "Warum reichen nicht auch 75 Meter, und dann lieber paar mehr Anlagen in vernünftigen Abständen?". Solche Fragen werden in der Küche diskutiert.

Detlef Matthiessen, energiepolitischer Sprecher der Grünen-Fraktion in Schleswig-Holstein, sitzt nicht dabei, er war aber auf Einladung der "Sophie"-Aktivisten schon in Plön zu Gast. "Je höher die Anlage, desto effizienter der Energiegewinn", lautet seine Antwort. Auch sein Landtagskollege von der CDU, Werner Kalinka, hat sich in der Region umgesehen. Er verspricht, die Landesregierung werde alle Einwände berücksichtigen.

Die Anwohner sind skeptisch. Sie fürchten den Wertverlust ihrer Immobilien. Dieser sei tatsächlich nicht wegzudiskutieren, sagt der Christdemokrat Kalinka. Der Verband Schleswig-Holsteinischer Haus-, Wohnungs- und Grundeigentümer spricht gar von "enteignungsgleichen Eingriffen" und verlangt bei der Errichtung von Windanlagen Entschädigungen. Der Verband beziffert die Verluste auf rund 30 Prozent und spricht zum Teil sogar von Unverkäuflichkeit der betroffenen Objekte. Das Innenministerium weist die Forderung zurück und stellt klar, es gebe "keinen Anspruch auf Unveränderbarkeit der Umgebung", jeder Eigentümer müsse vielmehr damit rechnen, dass sich rund um seine Immobilie planerische Entwicklungen vollziehen.

Acker als Windfläche eine Goldgrube

Mit dem Wert von landwirtschaftlichen Flächen kennt sich Timm Kühl von der in Kiel ansässigen Unternehmensberatung Treurat & Partner genau aus. Wer seinen Acker an einen Energiebetreiber oder Wind-Investor verpachte, könne derzeit jährlich zwischen 30.000 und 50.000 Euro einstreichen – Tendenz steigend, denn Arbeit und Kapital seien vorhanden, Boden sei dagegen knapp, skizziert er die Marktlage.

 "Bald sind wir von Windkraftanlagen umzingelt"

Die Neu-Sophienhofer ahnen, dass dort, wo erst mal nur ein paar Windmühlen stehen, bald weitere hinzukommen. "Wenn sich die Investoren durchsetzen, sind wir hier bald von Anlagen umzingelt, und das womöglich bei nur 400 Meter Abstand", sagt Bürgerinitiativen-Mitglied Helge Jürgensen. Der Ort mit seinen 19 Wohneinheiten und 45 Einwohnern wird vom Innenministerium als sogenannte Splittersiedlung betrachtet, für die nicht so strenge Abstandsauflagen gelten. Bei gewöhnlichen Ortschaften liegt die erforderliche Distanz dagegen immerhin bei 800 Metern. Die Festlegung ist Ländersache. In Niedersachsen beträgt das Minimum 1.000 Meter, in Baden-Württemberg 1.500 Meter.

Bei vielen Gemeindesitzungen ist es zuletzt turbulent zugegangen. Als Besitzer von potenziellen Eignungsflächen waren etliche Gemeindevertreter befangen, doch nicht überall hielten sie sich wie eigentlich vorgeschrieben aus den Abstimmungen heraus.  In Itzehoe ermittelt jetzt sogar die Staatsanwaltschaft wegen Bestechung. Der mutmaßliche Tatort ist die Dithmarscher 252-Seelen-Gemeinde Oesterwurth. Bei einem Bürgerentscheid über die dort geplante Windparkerweiterung gewannen die Befürworter äußerst knapp mit 100 zu 97 Stimmen. Vor der Abstimmung wurde den Bewohnern vom federführenden Planungsbüro bei einer Beteiligung am Windpark allerdings künftig bis zu 15 Prozent Rendite versprochen und Landbesitzern für die Bereitstellung von Flächen ein Anteil an der Einspeisevergütung.

Windflügel bedrohen Weltkulturerbe-Status

Die Windanlagen-Debatte sorgt auch für Ungemach in Lübeck. Dort bangt man um den 1987 verliehenen Status als Weltkulturerbe-Stadt. Im Nordwesten der Hansestadt soll ein großer kommunaler Windpark entstehen, der den freien Blick auf die Sieben-Türme-Silhouette der Altstadt einschränken könnte. Eine freie Sichtachse schreibt die Unesco jedoch vor. Und dass man die Richtlinien nicht auf die leichte Schulter nehmen sollte, ist spätestens seit der Waldschlösschenbrücke in Dresden bekannt.

Zu denjenigen, die wie Don Quijote schon seit vielen Jahren gegen Windmühlenflügel kämpfen, gehört auch Jutta Reichardt aus dem Kreis Steinburg. Sie vertritt die Internationale Plattform gegen Windkraftanlagen (EPAW). Für sie steht fest, dass der Rotorenlärm, der Schattenwurf und die nächtlichen Blinksignale krank machen, dass viele Tiere, insbesondere Vögel und Fledermäuse, ihr Leben lassen, dass selbst eine expandierende Windenergie nicht die benötigte Grundlast-Stromversorgung sicherstellt und dass die versprochenen Rendite der sogenannten Bürgerparks de facto "windige" Geldanlagen seien. Mit ihrem Engagement haben sich die Windmühlengegner in der Wilstermarsch etliche Feinde gemacht: Falschanschuldigungen, Beleidigungen, Bedrohungen, Sachbeschädigungen sind die Folge. Davor haben auch die Plöner ein wenig Angst. Als müsse er sich selbst Mut zusprechen, sagt Helge Jürgensen: "Sophie lässt sich nicht unterkriegen!"

Quelle: http://www.zeit.de/politik/deutschland/2011-11/windkraft-protest-schleswig-holstein